Festakt anlässlich des 100. Geburtstages der Straubinger SPD

"SPD-Mitgliedschaft ist wie Abenteuerurlaub"

Stiegler: Unsere Arbeit für Menschenwürde und Demokratie ist noch lange nicht erledigt.
Nachzudenken über die große kulturelle und politische Wirkung der deutschen Sozialdemokratie, den Kampf gegen Ausgrenzung und Nazi-Terror, den Paradigmenwechsel nach dem Zweiten Weltkrieg von einer revolutionären zu einer großen Volkspartei und natürlich auch über die aktuelle Situation ist nach Ludwig Stieglers Worten der eigentliche Sinn eines solchen Festakts. Die Partei sei nicht immer gleich gewesen, räumte Bayerns SPD-Chef ein und äußerte Verständnis dafür, dass ein langjähriger Sozialdemokrat seine Mitgliedschaft als "aktiven Abenteuerurlaub" empfinden könne. Trotzdem prognostiziert Stiegler seiner Partei "selbst in Bayern ein Potential von 40 Prozent, wenn wir selbstbewusst auftreten und gemeinsam kämpfen".

Ortsvorsitzende

Rotweißer Blumenschmuck, gefühlvolle deutsche Volkslieder des Volkschors und die temperamentvolle spanische Gitarre von Philipp Grüll umrahmten den Festakt im Historischen Rathaussaal zum 100-jährigen Bestehen des SPD-Ortsverbands Straubing. Vorsitzender Erhard Lenz konnte nicht nur Spitzen der ostbayerischen Sozialdemokratie, sondern auch stellvertretende Landrätin Christa Heisinger von der CSU und Repräsentanten aus anderen Bereichen des öffentlichen Lebens begrüßen. Vor 100 Jahren, so gab Festredner Ludwig Stiegler zu bedenken, wären Sozialdemokraten nicht einmal in die Nähe des Rathauses, geschweige denn hinein gekommen: "Dass wir jetzt hier ein Jubiläum feiern können, in Berlin einen Bundeskanzler und hier in Straubing einen SPD-Ober-bürgermeister stellen, das macht den unglaublichen Wandel bewusst, der in diesem Zeitraum vor sich gegangen ist." Kaiser Wilhelm II. habe sich eben doch getäuscht, wenn er die Sozialdemokraten als "eine vorübergehende Erscheinung" definiert habe: "Der Kaiser ist schon lange weg, aber wir sind da!"

Kampf gegen Ausgrenzung
Den Kampf gegen Ausgrenzung und für Freiheit und Würde des Einzelnen in einem demokratischen Staat, für Gerechtigkeit und Solidarität der Starken mit den Schwachen habe die SPD immer gekämpft, betonte Stiegler und unterstrich, der Freistaat, das werde in Bayern oft vergessen, sei von Sozialdemokraten ausgerufen worden. Und die Weimarer Republik sei untergegangen, weil sie eine Demokratie mit zu wenig Demokraten gewesen sei: "Wir, die SPD, waren damals die einzigen wirklichen Träger der Demokratie und haben unter Führung von Otto Wels 1933 als einzige Partei gegen das Ermächtigungsgesetz Hitlers gestimmt, was viele Sozialdemokraten mit ihrem Leben und grausamer KZ-Haft bezahlen mussten." Die Lehre aus dem Sieg der Nazis könne nur sein: "Die Demokratie darf nie mehr schwächer sein als die braune Sauce!" Von Anfang an seien Sozialdemokraten "Kernträger der Demokratie" gewesen, sagte Stiegler und forderte: "Das müssen wir uns immer wieder und gerade auch heute bewusst machen." Denn Demokratie falle nicht vom Himmel, sie sei das Ergebnis der Arbeit von tapferen deutschen Frauen und Männern. Derzeit werde deutlich, dass "Regierungsverantwortung nicht nur Lust, sondern auch Last" sein könne, wenn endlich längst überfällige Veränderungen auf den Weg gebracht würden: "Nicht die Mitbestimmung ist ein historischer Irrtum, sondern der Rogowski, der so etwas behauptet." Denn im Sinne der christlichen Soziallehre sei der Mensch mindestens ebenso viel wert wie das Kapital. Unternehmen dürften nicht in erster Linie Geldvermehrer für Investoren sein, sie seien auch den Menschen in ihrer Region, der Gesellschaft und dem Staat verpflichtet. Die Probleme von 1904, gegen die Sozialdemokraten gekämpft haben, seien heute global. Die Arbeit der SPD sei noch lange nicht erledigt; es gehe immer noch darum, dass Menschen in Freiheit und Würde in einer demokratischen Gesellschaft leben könnten: "Deshalb muss dieses Jahrhundert ein sozialdemokratisches Jahrhundert sein."

Älteste demokratische Partei
Die SPD habe sich als älteste demokratische Partei immer für Frieden und Freiheit eingesetzt, habe nie ihren Namen oder ihr Programm ändern müssen, hatte Oberbürgermeister Reinhold Perlak zum Auftakt der Festveranstaltung gesagt. Ihre beachtliche Entwicklung nach dem Krieg spiegele auch Straubing, die "wirtschaftsfreundlichste Kommune Bayerns" wider. Selbst in schwierigen Zeiten müsse es durch strategische Allianzen gelingen, die Herausforderungen der Europäisierung und der Globalisierung gemeinsam zu meistern und die Zukunft Straubings als eine lebens- und liebenswerte Stadt erfolgreich zu gestalten. Die stellvertretende Bezirksvorsitzende Johanna Werner-Muggendorfer überbrachte nicht nur die Glückwünsche der Parteispitze, sondern erinnerte daran, dass 1904 Jack London den "Seewolf" geschrieben und Paul Lincke die "Berliner Luft" komponiert habe: "Beides und die SPD haben diesen langen Zeitraum überstanden." Dieser Erfolg basiere auch auf den Werten, die Sozialdemokraten vertreten: Freiheit, Gleichheit und Solidarität. Parolen wie "Wer nicht katholisch ist, ist nicht bayerisch" seien glücklicherweise verschwunden.

Ehrung für Maria Liebl
Auch Stadtverbandsvorsitzender Hans Lohmeier und Ortsvereinsvorsitzender Erhard Lenz blickten auf die "ehrenvolle Vergangenheit" der Straubinger SPD zurück, die viel für die Stadt erreicht habe: "Ohne Sozialdemokraten stünde Straubing nicht so erfolgreich da." Deshalb dürfe auch die Zeit der Verfolgung und der mutige Kampf gegen den Nazi-Terror nie vergessen werden. Für fast 60-jährige Mitgliedschaft wurde Maria Liebl vom Landesvorstand mit einer Erinnerungsbrosche und vom Ortsverein mit der Willy-Brandt-Medaille geehrt; mit der gleichen Medaille wurden auch Herta Neumeier und Günter Hilmert für ihr Lebenswerk ausgezeichnet; für 40-jährige Mitgliedschaft wurden Inge und Dieter Rähr, Hans Schütz und Herbert Pelka geehrt; und die silberne Ehrennadel für 25 Jahre erhielten Helga Perlak, Fritz Geisperger jun.,Peter Kroul, Horst Laube und Charlotte Pelka.